| Auszüge |
| Einleitung - Die Faschisierung der ostdeutschen Provinz |
| Kapitel 7 - Die netten Nazis von nebenan |
| Kapitel 11 - Was tun? |
| Die Faschisierung der ostdeutschen Provinz |
| Gefahr von der NPD droht nicht im Bundestag. Sie arbeitet an einer Faschisierung der Provinz |
Über Rechtsextremismus wird in Deutschland entweder hysterisch oder gar nicht geredet. Rechtsextremistische Parteien sind immer dann ein Thema, wenn sie bei Wahlen mehr als fünf Prozent der Stimmen erhalten. In Mecklenburg-Vorpommern ist der NPD im September 2006 der Einzug in den Landtag gelungen – und für kurze Zeit waren die Medien wieder voll, wurde erhitzt über Sinn und Unsinn von Projekten gegen Rechtsextremismus gestritten. Doch nach wenigen Tagen war wieder das Tauziehen um die Gesundheitsreform wichtiger oder der Libanon-Einsatz der Bundeswehr oder die Frage, ob irgendwann einmal ein Schwuler hierzulande Bundeskanzler werden könne. * * * Seit im August 2005 die erste Auflage dieses Buches erschien, ist die Zeit nicht stehengeblieben. Zum Beispiel ist der damals vorhergesagte Einzug der NPD in den Schweriner Landtag Realität geworden. Aus Dresden sind Fraktionsgeschäftsführer Peter Marx und ein Fachreferent zur “Aufbauhilfe” in den Norden weitergezogen. Drei Abgeordnete haben die Sächsische Fraktion im Dezember 2005 im Streit verlassen, was diese aber nicht dauerhaft schwächte oder gar zerfallen ließ. In der NPD-Hochburg Reinhardtsdorf-Schöna gibt es heute einen neuen Bürgermeister, der offensiv mit dem Rechtsextremismus am Ort umgeht. Im Sommer 2006 kam Uwe Leichsenring, eines der Nachwuchstalente der Partei, bei einem Autounfall nahe Pirna ums Leben.
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| Die netten Nazis von nebenan |
| Ehringshausen und Königstein: zwei Hochburgen für rechte Politiker. Doch in Sachsen gelingt der NPD die kommunale Verankerung besser als in Hessen. Warum? |
Königstein in Sachsen ist ein idyllisches Städtchen. Im historischen Ortskern drängen sich Kirche, Rathaus und kleine Läden um enge Gässchen; das Ganze ist umgeben von lieblicher Landschaft, den dunklen Wäldern des Nationalparks Sächsische Schweiz und den schroffen Felsen des Elbsandsteingebirges. Hymnisch besangen Dichter die Schönheit der Region. Bei der letzten Kommunalwahl hat die NPD hier 21,1 Prozent der Stimmen bekommen. Ehringshausen in Mittelhessen. Neun Dörfer sind zu der Großgemeinde zusammengeschlossen. Besondere Sehenswürdigkeiten gibt es keine, aber der Ort liegt im malerischen Tal der Dill. Johann Wolfgang von Goethe höchstpersönlich, dessen "Leiden des jungen Werther" im nahen Wetzlar spielt, lobte die Gegend einst wegen der "unaussprechlichen Schönheit der Natur". In Ehringshausen ist man stolz auf die Industrie- und Bergbautradition, die zurückreicht bis ins Jahr 1600. Auch heute gibt es einige florierende Unternehmen am Ort, die Arbeitslosenquote liegt unter dem Landesdurchschnitt. Seit Jahren sitzt die NPD im Gemeinderat, 1997 errang sie mit 22,9 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis. Königstein und Ehringshausen sind Hochburgen der NPD, in beiden Gemeinden ist die Partei fest verankert. Aber in Sachsen breitet sich die NPD aus, ihre Wahlergebnisse sind seit Mitte der 90er-Jahre stetig gestiegen, nach Königstein hat sie auch in den benachbarten Kommunen Mandate gewinnen können. Im Kreistag der Sächsischen Schweiz ist sie mittlerweile drittstärkste Partei, im Herbst 2004 gelang ihr sogar der Einzug in den Sächsischen Landtag. In Hessen dagegen kommt die NPD nicht recht voran. Zwar ist sie außer in Ehringshausen noch in einigen umliegenden Städten vertreten. Aber bei den letzten Wahlen hat sie deutlich Stimmen eingebüßt. Und niemals seit Ende der 60er-Jahre hatte die NPD hier auch nur den Hauch einer Chance, bei Landtagswahlen in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde zu kommen. In Hessen ist die Gesellschaft weitgehend einig in der Stigmatisierung der NPD. Als sich vor ein paar Jahren in Ehringshausen - nach langer Gleichgültigkeit - Widerstand gegen die Partei regte, schlossen sich große Teile der Bevölkerung an. Ganz anders in Sachsen, wo häufig nicht die Rechtsextremisten die Außenseiter sind, sondern jene, die sich gegen sie engagieren, wo Polizei, Behörden und Politiker der demokratischen Parteien oft unsicher oder ignorant sind. Den Strategen der NPD ist klar, wie wichtig für ihre Partei eine direkte Nähe zu Bürgern (und Wählern) ist. "Revolutionärer Weg konkret: Schafft Befreite Zonen!", hatte ein Aufsatz in der Vordersten Front, der Zeitschrift des Nationaldemokratischen Hochschulbundes NHB, gefordert. Damit war gemeint, bestimmte Orte von Ausländern und Andersdenkenden zu säubern, aber auch: "Befreite Zonen sind Plätze, wo die Menschen unsere Worte an unseren Taten messen können." Die rechten Vordenker wissen, dass ihre Anhänger bisher eher durch Gewalt und Hass aufgefallen sind, deshalb komme es auf strenge Disziplin an. Zudem, hieß es in der Parteizeitung Deutsche Stimme, müsse "der Vereinsarbeit mehr als bisher von nationalistischer Seite Rechnung getragen werden", aber statt neue Vereine zu gründen, solle man lieber bestehende unterwandern. "Das Betätigungsfeld reicht hierbei von der Freiwilligen Feuerwehr über die verschiedensten Sportarten, wobei sich insbesondere die ,Volkssportarten' anbieten, wie Fußball und Boxen; aber auch der Naturschutz, die Jugendarbeit und die lokale Kulturarbeit." Das Ziel ist klar: "Erst wenn auf der kommunalen und Kreisebene die NPD präsent ist, wird ein landesweiter oder gar bundesweiter Wahlerfolg möglich sein." Uwe Leichsenring, 38, ist der lebende Beweis dafür, dass die Strategie aufgehen kann. In die NPD ist er 1990 eingetreten, ab Mitte der Neunzigerjahre hat er seine Partei in der Sächsischen Schweiz Schritt für Schritt aufgebaut. Seit Herbst 2004 sitzt er im Landtag, ist dort Parlamentarischer Geschäftsführer der NPD-Fraktion. In Königstein kennt man Leichsenring als netten Nachbarn. Er ist ein jovialer Typ, spielt im Tischtennisverein, betreibt die einzige Fahrschule am Ort, was sich als äußerst hilfreich erwiesen hat, um in Kontakt zu Jugendlichen zu kommen. Das erste Mal kandidierte er zur Kommunalwahl 1999. Da bekam er die zweithöchste Stimmenzahl. Bei der Kommunalwahl 2004 konnte er sich schon leisten, Plakate zu kleben, auf denen nur sein Porträt zu sehen war und der Schriftzug "Uwe". Er holte 21,1 Prozent. "Uns ist klar, dass man ein Haus nicht mit dem Dach anfängt", sagt Leichsenring. Die Revolution kann warten. Er kümmert sich in der Kommune um die kleinen Probleme der Bürger, um Abwasserprobleme, den Straßenbau. Im Stadtrat fragt er zum Beispiel nach, wann denn endlich die kaputte Tür im Jugendclub Pfaffendorf repariert werde. Einer seiner Fahrschüler hatte ihm von dem Missstand erzählt. Königsteins Bürgermeister Friedel Haase versucht durchaus, Leichsenrings Propaganda zu demontieren. Vor einiger Zeit hat er auf anderthalb Seiten die NPD-Vorschläge zerpflückt: Die wolle beispielsweise, dass Hauseigentümer für die Einrichtung ihres Abwasseranschlusses nicht mehr zur Kasse gebeten werden. "Als Deckungsvorschlag wird das Streichen der Stelle des Ausländerbeauftragten genannt, solch eine Stelle gibt es nicht in unserem Bereich", schrieb Haase. Das Gesicht der NPD in Ehringshausen ist das Ehepaar Zutt. Alfred Zutt, 71, arbeitete viele Jahre als Maschinenschlosser im örtlichen Buderus-Werk. Seine Frau Doris, 50, ist Altenpflegerin. Er ist schon seit 1967 in der NPD, sie folgte ihm 1982. Seit Jahren sitzt Doris Zutt im Bundesvorstand der Partei, sie ist dort die einzige Frau. Erstmals kandidierten die beiden 1989 für den Ehringshäuser Gemeinderat, kamen gleich auf 6,2 Prozent und zwei Sitze. Bis 1997 konnten sie ihr Ergebnis auf 22,9 Prozent steigern, doch bei der letzten Kommunalwahl 2001 stürzten sie tief, auf 7,1 Prozent - das war mitten in der NPD-Verbotsdebatte. Bis dahin hatten die anderen Parteien sie als normalen Partner behandelt. Lange Zeit war die NPD im Gemeinderat von Ehringshausen das Zünglein an der Waage: Die SPD hatte 15 Sitze. CDU und freie Wähler verfügten zusammen nur über 14, aber gemeinsam mit den beiden Stimmen der NPD konnten sie ihre Politik durchsetzen. Und das taten sie. Die NPD wählte den Bürgermeisterkandidaten der Konservativen mit, im Gegenzug bekam Doris Zutt den Vorsitz des Umweltausschusses. Alfred Zutt sagt im Rückblick: "Wir haben die anderen immer gegeneinander ausgespielt." Die Reden der Zutts sind meist populistisch, stets beklagen sie die Belastung der Bürger durch Abgaben und Gebühren. Viele ihrer Anträge sind - offen oder verdeckt - rassistisch. Alfred Zutt sagt, sie machten Politik "zum Wohle der Bürger". "Für die deutschen Bürger", stellt seine Frau klar. In den Haushaltsberatungen verlangen sie, Sprachkurse für türkische Frauen nicht mehr zu fördern. Sie fordern für Einheimische ermäßigten Eintritt in der örtlichen Schwimmhalle - "es würde den Rahmen sprengen, wenn das auch für Gäste gälte", sagt Doris Zutt. Mit Gästen meinen die Zutts im Ort wohnende Zuwanderer, egal wie viele Jahrzehnte sie schon in Deutschland leben und Steuern zahlen, egal ob sie noch einen türkischen Pass haben oder längst den deutschen. Damit kamen sie lange Zeit gut an in Ehringshausen. In einer detailreichen Dissertation hat der Freiburger Politologe Peter Wagner untersucht, warum sich die NPD in drei baden-württembergischen Städten seit den 70er-Jahren hat verankern können. In Tuttlingen, Villingen-Schwenningen und Weinheim fand er etliche Abweichungen vom Durchschnitt der alten Bundesländer - Abweichungen, die jedoch in den Neuen Ländern Normalität sind. In "protestantischen und später weitgehend säkularisierten Gemeinden", so Wagner beispielsweise, könne sich die NPD leichter verankern (in der ehemaligen DDR sind nichtsäkularisierte Gemeinden die Ausnahme). Eine schwache Sozialdemokratie nütze ebenfalls den Rechtsextremisten (in Sachsen ist die SPD seit 1990 nicht auf die Beine gekommen und lag bei der letzten Landtagswahl mit 9,8 Prozent nur noch 0,6 Punkte vor der NPD). Den untersuchten Kommunen ist gemeinsam, dass ihre lokale Identität von einer "Grenzlage in der übergeordneten territorialen Einheit" geprägt ist (was viele Ostdeutsche heute genauso empfinden). In allen drei Städten hat es Probleme beim wirtschaftlichen Strukturwandel gegeben (in den neuen Ländern ist er seit 1989 desaströs verlaufen). Eine der Hauptthesen Wagners lautet: "Günstig für die NPD sind Situationen mit einer ,gewissen Statusunsicherheit', bei der die Perzeption einer relativen Benachteiligung bereits ausreicht." Dies ist eine ziemlich genaue Beschreibung der ostdeutschen Gefühlslage. Und noch etwas ist den westdeutschen NPD-Hochburgen gemeinsam: Gegenaktivitäten blieben in diesen Orten "lange Zeit vor allem Gewerkschaften, Jugendorganisationen oder linken Gruppierungen überlassen". In Sachsen hat die allein regierende CDU das Vordringen der NPD lange Zeit ignoriert, Kurt Biedenkopf erklärte noch im Jahr 2000 allen Ernstes, seine Landeskinder hätten "sich als völlig immun erwiesen gegenüber rechtsradikalen Versuchungen". Ein wichtiger Unterschied geht aus Wagners Studie ebenfalls hervor: "Expansionsversuche ins Umland waren stets erfolglos", heißt es da über die isolierten Hochburgen in den alten Ländern, weil eine "ausgeprägte rechte Subkultur" fehlte. Dies aber ist in den neuen Ländern vollkommen anders. Allein in Sachsen verfügt die Partei heute über 42 kommunale Mandate - so viele wie 1991 in allen West-Bundesländern zusammen. Überall in Sachsen, wo die NPD 1999 erste Sitze hatte erringen können - in der Sächsischen Schweiz, in Riesa, Meißen und Wurzen - hat sie bei den Wahlen 2004 zugelegt. Weitere Erfolge bei den nächsten Kommunalwahlen sind so gut wie sicher: Als Landtagspartei kann sie nun, ohne noch Unterstützungsunterschriften für kommunale Kandidaten sammeln zu müssen, überall antreten. In Ehringshausen hat sich der Umgang mit der NPD geändert, nachdem sie 1997 ihren 22-Prozent-Erfolg errang - aber so richtig dreht sich der Wind erst, als im Jahr 2000 die ganze Öffentlichkeit über ein NPD-Verbot diskutierte. Nun hielten die anderen Ratsparteien die NPD nicht mehr für normal und schlossen sich gegen sie zusammen. Bei der CDU mag zum Umdenken beigetragen haben, dass sie mittlerweile nur noch viertstärkste Partei und hinter die NPD zurückgefallen war. Außerdem hatte in der Zwischenzeit mitten im Ort "Zutts Patriotentreff" eröffnet, ein Laden für rechtsextreme Literatur und Musik. Von weit her reisten nun Skinheads nach Ehringshausen, um sich mit Bomberjacken und Springerstiefeln auszurüsten. In einem "Ehringshäuser Bündnis" schlossen sich die demokratischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Vereine zusammen, auch der einst mit NPD-Stimmen gewählte Bürgermeister war dabei. "Wir haben vielleicht zu lange geschwiegen", hieß es in einem offenen Brief. Als die NPD ihren Parteitag in Ehringshausen abhielt, gab es Friedensgebete, alle Kirchenglocken läuteten Sturm. Bei der folgenden Wahl stürzte die NPD ab. Und der "Patriotentreff" ist inzwischen wieder geschlossen. In Ehringshausen sind die Zutts allgemein bekannt, doch sie stehen am Rand der Gesellschaft. In ihren "Patriotentreff" haben sich Normalbürger nie verirrt. Ganz anders in der Sächsischen Schweiz: Hier heißt der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Johannes Müller und praktiziert als Arzt in Sebnitz, ist nach Feierabend in der Bergwacht als Lebensretter aktiv. Fast die gesamte Königsteiner Jugend lernt bei Uwe Leichsenring das Autofahren, und Klempner Michael Jacobi kommt in fast jedes Haus. Da fällt Ausgrenzung schwer. Alfred und Doris Zutt sind die alte NPD. Wenn Alfred Zutt im Kreistag einen Redebeitrag zum Schulentwicklungsplan hält, braucht er keine drei Sätze, bis er die "antideutsche Politik" der Etablierten und "3,2 Milliarden Euro Kindergeld für nichtdeutsche Staatsbürger" geißelt. In der Sächsischen Schweiz ist der Stil der NPD ein völlig anderer. Die dortige Kreistagsfraktion um Leichsenring und Müller formuliert lieber einen akkuraten Antrag, in dem der Landrat aufgefordert wird, sich für den Erhalt der Schulen einzusetzen. Dafür hätte der sich zwar sowieso eingesetzt, aber beim normalen Bürger dürfte der NPD-Vorstoß besser ankommen als die Ehringshäuser Tiraden. Um die Ausgrenzung ins Leere laufen zu lassen, versucht die NPD in der Sächsischen Schweiz, selbst Wärme zu vermitteln. Eine AG Brauchtum organisiert Sonnenwendfeiern, ein Singekreis pflegt den deutschen Volksliedschatz. Für kleine Kinder wird eine Weihnachtsfeier oder ein Ostereiersuchen geboten. Auf die Jugend zielt eine NPD-Klettergruppe, im Winter werden Schneewanderungen organisiert, im Sommer Fußballturniere. Auch in Ehringshausen veranstaltet Alfred Zutt Grillfeste für die Jugend. Aber im ganzen Lahn-Dill-Kreis haben die Jungen Nationaldemokraten nur ein Dutzend Mitglieder. Und wenn dort irgendwo Skinheads offensiv auftreten, wird das noch nicht als normal hingenommen. In einem Ortsteil von Dillenburg etwa, gut 30 Kilometer nördlich von Ehringshausen, fanden sich rasch Bürger zusammen, als sich eine rechte Jugendclique ständig auf dem Dorfplatz traf und es zu Schlägereien kam. Die Bürgerinitiative rief nicht nur nach dem Staat, sondern eröffnete selbst einen Jugendtreff, der bis heute von Mitgliedern des Vereins betreut wird. Als den Verantwortlichen im Lahn-Dill-Kreis vor ein paar Jahren das Problem mit der rechten Jugend bewusst wurde, ließen sie eine Studie über die Szene erarbeiten. Darin ist erfasst, in welchen Gemeinden solche Cliquen aktiv sind, wie sie zusammengesetzt und wie sie vernetzt sind. In der Sächsischen Schweiz reagiert die Pressesprecherin des Landrates bass erstaunt, wenn man sie nach etwas Ähnlichem fragt. "Nein, eine Übersicht haben wir nicht", sagt sie. Sie bezweifle auch, dass man so etwas überhaupt anfertigen dürfe. "Wir sind doch kein Überwachungsstaat!" Man müsse auch aufpassen, "niemanden zu verunglimpfen". Im Jugendprojekt in Dillenburg-Oberscheld steht der Bürgerinitiative eine Teilzeitkraft zur Seite, vom Landkreis bezahlt. In der Sächsischen Schweiz sind Anfang 2005 drei weitere Stellen in der Jugendarbeit gestrichen worden. "Der Landkreis ist zur Zeit nicht in der Lage, sich um seine Kinder und Jugendlichen zu kümmern", räumte auf einer der letzten Kreistagssitzungen ein Mitglied des zuständigen Ausschusses ein. Da stand der NPD-Abgeordnete Uwe Leichsenring auf und sagte im Namen seiner Partei: "Wir reden nicht darüber, wir machen Jugendarbeit!" Ein bisschen neidisch schaut das Ehepaar Zutt nach Ostdeutschland. "Da seh' ich keine Türken", sagt Alfred Zutt. Der Sohn der Zutts hat in Waren an der Müritz ebenfalls einen "Patriotentreff" eröffnet, die Geschäfte dort laufen besser als einst in Ehringshausen. Doris Zutt sagt, im Westen habe die alliierte Re-education die Leute "eingeschüchtert", dort herrsche "Pogromstimmung" gegen die NPD. Alfred Zutt sagt, sie würden gern nach Waren übersiedeln, denn dort könne man als NPD-Politiker "viel leichter Erfolg haben". |
| Was tun? |
| Eine kleine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit der NPD |
1. Nicht unterschätzen ... Ein NPD-Mitglied ist nicht automatisch dumm. Und obwohl ein Teil ihrer Wähler sicherlich Protestwähler sind, ist die NPD keine Protestpartei; sie hat disziplinierte Kader, ein geschlossenes Weltbild, eine klare Strategie. Ihre Abgeordneten im sächsischen Landtag beweisen Cleverness bei der Auswahl ihrer Themen. Sie demontieren sich nicht selbst, wie man es beispielsweise von der DVU gewohnt war. Sie sind fleißiger als ein Durchschnittsdemokrat, denn der ist - zum Glück - nicht so fanatisch. Die NPD-Kader haben eine Mission, sie fühlen sich als Teil einer unaufhaltsamen Bewegung. Ignorieren hilft nicht. Inzwischen hat die NPD in etlichen ostdeutschen Kommunen einen Wählerstamm von zwanzig Prozent aufgebaut. Trotzdem setzen sich die anderen Parteien und die Medien nicht ernsthaft mit Propaganda und Programm der NPD auseinander. Als die Partei in den sechziger Jahren ihre erste Erfolgswelle hatte, gab es eine wahre Flut von Ratgebern und Aufklärungsbroschüren. Auch die CDU erarbeitete damals einen 43 Seiten dicken »Leitfaden« für ihre Mitglieder. Bis heute, ein Dreivierteljahr nach dem Landtagseinzug der NPD, hat zum Beispiel die sächsische CDU nichts dergleichen zustande gebracht. Kein Wunder, dass sie immer noch völlig kopflos agiert. 2.... aber auch nicht überschätzen Ein Gutteil der NPD-Leute ist aber doch dumm; der Mangel an halbwegs fähigem Personal ist das größte Problem der Partei. Den meisten Kadern fehlen soziale Kompetenz und politisches Geschick. Gerade weil sie ein hermetisches Weltbild haben und ihren »Kampf für Deutschland« fast wie Besessene führen, sind die meisten von ihnen zu praktischer Politik nicht fähig. Niemand in der heutigen NPD hat ein Charisma, das über die Partei hinausreicht. Die einfachen NPD-Mitglieder sind oft nicht einmal in der Lage, ihre Nachbarn zu einer Unterstützungsunterschrift für die Partei zu überreden. Die NPD glaubt in ihrem Größenwahn, sie könne den Staat stürzen. Reißerische Illustriertenstorys und empörte Politikerrituale machen sie größer, als sie ist. 3. Korrekt behandeln Seien Sie höflich, auch zu Neonazis! Es bringt der NPD nur Sympathien, wenn ihr - wie am Abend der sächsischen Landtagswahl - im Fernsehen das Mikrofon weggezogen wird oder Politiker aus dem Studio rennen. Für das Selbstbild und den Zusammenhalt der rechten Szene ist es ungemein wichtig, sich als Märtyrer aufführen zu können. Abgeordnete der NPD sind demokratisch legitimiert - ihre Ideologie ist es nicht. Ihre Reden dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Doch dazu muss nicht die Geschäftsordnung des Landtags geändert werden. Schon gar nicht dürfen die allgemeinen Rechte eines Abgeordneten eingeschränkt werden - das wäre Beschneidung der Demokratie zur Verteidigung der Demokratie. Es ist nicht nur albern, sondern verkehrt, den Plenarsaal zu verlassen, wenn Rechtsextremisten reden. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist, ein Parlament zu säubern«, lästerte Holger Apfel einmal, nachdem die Abgeordneten der demokratischen Parteien hinausgestürzt waren. Die Freude sollte man ihm nehmen. 4. Ausgrenzen, aber nicht ausstoßen Die NPD ist keine normale Partei. Ihre Mitglieder und Funktionäre sind keine gleichberechtigten Partner in der politischen Auseinandersetzung. Doch muss ihre Ausgrenzung immer begründet werden, damit sie sich nicht als verfolgte Unschuld präsentieren können: Die NPD lehnt das Grundgesetz ab. Sie erkennt die allgemeinen Menschenrechte nicht an. Sie ist es, die sich damit ausgrenzt. Wer sich zur NPD bekennt, darf deshalb ausgeschlossen werden. Auch aus dem Sportverein, dem Männerchor, der Gewerkschaft. Es muss abschreckend sein, bei der NPD mitzumachen. Aber der Weg zurück muss offen bleiben. Es wird viel schwerer, die rechte Szene zu verlassen, wenn Freunde und Familie alle Brücken abgebrochen haben. Wer sich nur noch in den geschlossenen Zirkeln der Rechten bewegt, steigert sich immer weiter hinein. Sagt sich jemand von der NPD-Ideologie los, darf ihm seine Vergangenheit nicht ewig nachgetragen werden. 5. Null Toleranz gegenüber rechten Straftaten ... Wer Paragraphen verletzt, gehört bestraft. Das gilt für Rechtsextremisten nicht weniger, aber auch nicht mehr als für alle anderen. Ein Hakenkreuz auf dem Schulranzen oder ein Tritt gegen einen Dunkelhäutigen in der S-Bahn darf nicht toleriert werden. Von niemandem. Das hat nichts zu tun mit »Pogromstimmung«, über die die NPD gern jammert. Die Prinzipien des Rechtsstaats müssen selbstverständlich eingehalten werden. Und natürlich gilt das Grundgesetz für jeden Skinhead, natürlich genießen Neonazis Versammlungsfreiheit. Die Änderung des Demonstrationsrechts, die vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes hektisch durchgezogen wurde, beschneidet Grundrechte und war bloße Symbolpolitik. In keiner KZ-Gedenkstätte kann man sich erinnern, dass dort je ein Neonazi demonstrieren wollte. Um glaubwürdig gegen Nazis vorgehen zu können, darf der Staat selbst keine Minderheiten benachteiligen. Solange etwa Asylbewerber in menschenunwürdigen Heimen hausen müssen, werden sich Rechtsextremisten ermutigt fühlen, Brandsätze auf sie zu werfen. Im Übrigen würden die ausländerfeindlichen Überfälle schnell aufhören, wenn jedes Opfer automatisch ein Daueraufenthaltsrecht für Deutschland bekäme. 6. ... doch die NPD gehört nicht verboten, sondern widerlegt Wahrscheinlich kann man außer in Diktaturen nur in Deutschland auf die Idee kommen, eine oppositionelle Partei zu verbieten, obwohl sie nicht offen zur Gewalt aufruft. Die freiheitliche Demokratie ist das bessere System als der völkische Führerstaat, den die NPD anstrebt. Wenn Demokraten sich nicht mehr zutrauen, die Wähler davon überzeugen zu können, haben sie schon verloren. Aber ist überhaupt noch jemand fähig, für die Demokratie und ihre Prinzipien zu streiten? Die etablierten Politiker sind (wie die meisten Bürger) grundsätzliche Angriffe nicht mehr gewohnt. Sie sind Schönwetterdemokraten und schnappen nach Luft, wenn sie mal einen echten Nazi treffen. Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten ist mühsam, und Spaß macht sie auch nicht. Aber ein anderes Mittel gegen die NPD gibt es nicht. Wenn sie sich als Sozialkämpfer aufspielt, muss man ihr Konzept einer wärmenden Volksgemeinschaft bloßstellen. Wenn sie für Umweltschutz eintritt, muss man die zugrunde liegende Blut-und-Boden-Ideologie offen legen. Es ist nicht so schwer, das Programm der NPD zu demontieren. Dazu muss man es aber zumindest gelesen haben. Auch praktisch wäre ein Verbot der NPD nutzlos, die harten Kader würden weiterziehen in andere Organisationen. Genauso gut könnte man versuchen, sie einfach wegzuzaubern. 7. Themen streitig machen Im sächsischen Landtag zeigt sich deutlich, dass die NPD nur so gut ist, wie die anderen Parteien sie sein lassen. Ihre Abgeordneten werfen sich gern auf Themen, die von den anderen liegen gelassen werden. Chancen und Risiken der Integration von Ausländern zum Beispiel müssen offen debattiert werden. Demokratiedefizite der EU sind ein wichtiges Thema. Wenn die NPD bestehende Probleme anspricht, hilft es kein bisschen, die Nazikeule zu schwingen. Und wenn sie etwa Volksabstimmungen fordert, muss man die nicht ablehnen -sondern darauf hinweisen, dass sie für die NPD der erste Schritt zur Abschaffung der Parlamente sind. Würden die anderen Parteien nur halb so viel Energie in die Auseinandersetzung mit der NPD stecken, wie in den Streit untereinander, wäre viel gewonnen. Demokratische Politiker sollten planmäßig die Themen identifizieren, mit denen die NPD kampagnenfähig werden könnte, und diese selbst besetzen. Bisher hecheln sie der NPD immer nur hinterher. 8. NPD-Wahlerfolge nicht mit sozialen Problemen entschuldigen Natürlich wählen auch Arbeitslose die NPD, aber sie tun das nicht, weil sie arbeitslos sind, sondern weil sie deren rassistischen Parolen glauben. Das ist ein wichtiger Unterschied. Von den Wählern, die bei der sächsischen Landtagswahl im September 2004 der NPD ihre Stimme gaben, waren nur 20 Prozent arbeitslos. Aber 96 Prozent waren der Überzeugung, von Ausländern gehe eine »Überfremdungsgefahr« aus; bei einem Anteil von gerade 2,8 Prozent nicht-deutscher Bevölkerung in Sachsen. Wenn CSU-Chef Edmund Stoiber öffentlich die gestiegene Arbeitslosenquote und Gerhard Schröder für das Erstarken der NPD verantwortlich macht, lenkt er also vom eigentlichen Problem ab, nämlich dem rechtsextremen Weltbild eines wesentlichen Teils der Bevölkerung. Deutschland sei in einer Situation wie »seit 1932 nicht mehr«, sagte Stoiber mit Blick auf die Zahl von sechs Millionen Menschen ohne Job. Das bringt wenig für die Auseinandersetzung mit der NPD und ist historisch falsch. Die Weimarer Republik scheiterte nicht an der Massenarbeitslosigkeit, sondern weil die bürgerlichen Parteien damals die Demokratie nicht verteidigt haben. 9. Die NPD nicht mit der PDS oder Linksextremisten gleichsetzen Wer die PDS mit der NPD auf eine Stufe stellt, verharmlost die Rechtsextremisten. Die Postkommunisten sind längst eine staatstragende Partei geworden, die NPD aber will diesen Staat stürzen. Die PDS hat in den vergangenen 15 Jahren dafür gesorgt, dass auch die Wiedervereinigungsgegner in der Bundesrepublik angekommen sind, sie hat die DDR-Nostalgiker in die parlamentarische Demokratie integriert - in der Oppositionsrolle zwar, aber doch als Teil der Ordnung. Die NPD dagegen will eine »neue Ordnung«, und sie kann sich nicht versöhnen mit dem Parlamentarismus. Praktisch jeden Tag werden in Deutschland Ausländer, Obdachlose und linke Jugendliche von rechten Schlägern überfallen. Aber es ist lange her, dass hierzulande ein Kapitalist von einem Linksterroristen ermordet wurde. Rechtsextremistische Propaganda richtet sich gegen Schwache, linksextremistische gegen Starke. Wen die NPD zum Feind erklärt, der ist in der Regel schutzlos. Die Feinde der Linksextremisten aber fahren gepanzerte Limousinen und bekommen Polizeibegleitung. Wer behauptet, man müsse gleichermaßen gegen Extremisten von rechts wie von links kämpfen, vernebelt den Blick auf die Realität. Linksextremisten muss man in Ostdeutschland mit der Lupe suchen, Rechtsextremisten beherrschen vielerorts die Straßen. Will man die NPD unbedingt mit irgendwem vergleichen, dann bitte mit Islamisten. Sie stellen die freiheitliche Demokratie und die liberale Gesellschaft ähnlich fundamental in Frage, wie es die NPD tut. Nicht umsonst besuchte Udo Voigt 2002 eine Versammlung der islamistischen Hizb-ut- Tahrir und versicherte der inzwischen verbotenen Organisation die »Solidarität aller aufrechten Deutschen«. 10. Demokratische Werte in der Gesellschaft vermitteln Parteien wachsen aus der Gesellschaft; wenn sich dauerhaft eine demokratiefeindliche Partei etabliert, stimmt etwas mit der Gesellschaft nicht. Mag sein, dass Politiker das nicht begreifen können, denn die harte Währung in ihrem Geschäft sind Prozente bei Wahlen. Mag sein, dass für Politiker Rechtsextremisten erst zum Problem werden, wenn sie Plätze in den Parlamenten wegnehmen - und es sich erledigt hat, wenn sie dort wieder verschwunden sind. Der wirkliche Kampf gegen die NPD muss in der Gesellschaft und von der Gesellschaft geführt werden, in Städten und Dörfern, auf Schulhöfen und an Buswartehäuschen. Wenn sich dort niemand für Demokratie und Menschenrechte einsetzt, haben die Rechtsextremisten schon gewonnen. An den Schulen sieht es oft traurig aus - gerade im Osten. Was kann dabei herauskommen, wenn ein desinteressierter Lehrer mit autoritärer DDR-Vergangenheit den Schülern demokratische Werte vermitteln soll? Aber auch im Westen hat kaum ein Pädagoge Ahnung von der rechten Jugendkultur. Und den Bildungsministern ist die Didaktik im Mathematikunterricht wichtiger als politische Bildung - jedenfalls wird für Ersteres viel mehr Geld ausgegeben. Gegen die NPD hilft es nicht, in der Schulordnung das Tragen von Springerstiefeln zu untersagen und einmal im Jahr in die nächstgelegene KZ-Gedenkstätte zu fahren. 11. Alternative Jugendkulturen fördern Die extreme Rechte hat erkannt, dass sie die Jugend mit kulturellen Angeboten am besten erreicht. Verbote bringen wenig, dadurch wird es nur noch spannender, Nazi-Konzerte zu besuchen. Wo Rechtsextremismus zum Lifestyle geworden ist, muss man mit Lifestyle dagegenhalten. Solange die Linken cooler sind und mehr Spaß haben, ist noch nicht alles verloren. Wenn der Dorfbürgermeister sagt, Punks seien dreckig, und der Lehrer meint, bunte Haare gehörten sich nicht, dann freut sich die NPD. Sie sieht das genauso. Es kann verheerend wirken, wenn Skaterbahnen abmontiert und Sprayer aus Jugendclubs geworfen werden. Dann haben die Rechten freie Bahn. Sie geben bereits heute in vielen Gegenden Ostdeutschlands den Ton an. Wer dort jung ist und seine Ruhe haben will, braucht sich nur rechts zu geben. 12. Initiativen gegen Rechtsextremismus unterstützen Wer Zivilcourage gegen rechts fordert, muss sie auch fördern - oder sie zumindest nicht behindern. Als vor ein paar Jahren ein Anschlag auf die Erfurter Synagoge verübt wurde, organisierten Jugendliche eine Menschenkette und druckten Flugblätter. Die Polizei hatte nichts Eiligeres zu tun, als Anzeige zu erstatten - die Bürger hatten auf den Flugblättern das vorgeschriebene Impressum vergessen. Weitere Beispiele? Ein Bürgermeister weigert sich, den Wahlaufruf einer Initiative gegen die NPD im Amtsblatt abzudrucken. Eine schwarz-gelbe Landesregierung dreht einer anerkannten Anti-Nazi-Initiative den Geldhahn zu. Die Arbeit gegen Rechtsextremismus muss langfristig geführt werden und unabhängig davon, ob das Thema, gerade in Mode ist oder nicht. Im Sommer 2000, als die deutsche Öffentlichkeit groß über Rechtsextremismus debattierte, legte die Bundesregierung Förderprogramme gegen rechts auf - seitdem wird Schritt für Schritt wieder gekürzt. Gerade in Ostdeutschland aber gibt es kaum andere Geldquellen, die kommunalen Kassen sind leer, und die Wirtschaft ist zu schwach für große Sponsoringaktivitäten. Für viele Initiativen bedeutet dies zeitraubende Betteltouren bei Spendern und Stiftungen. Oder das Ende. |