Lesung unter Polizeischutz in Pirna
Falls meine These, dass die Gefährlichkeit der NPD nicht aus ihrer Parlamentsarbeit resultiert, sondern von ihrer (Mit-)Arbeit an einer "Faschisierung der (ostdeutschen) Provinz", noch einer Untermauerung bedurfte, so hat die Lesung in Pirna am 24. November geliefert: Sie konnte nur unter massivem Polizei- und privatem Wachschutz stattfinden.
Kreisjugendring, Stadtverwaltung und Aktion Zivilcourage (die lokale Bürgerinitiative gegen Rechtsextremismus) hatten mich eingeladen und intensiv Werbung gemacht in der Stadt. Einer der Initiatoren berichtete, dass etliche Geschäftsinhaber aus Pirna die Plakate aus Angst lieber nicht aushängen wollten. In der Nacht zum 23. November wurde dann das Gebäude der Evangelischen Gemeinde, in der die Lesung stattfinden sollte, mit Farbbeuteln beworfen und mit Schablonen-Graffitti beschmiert. "Zivilcourage abschalten – Systemhetze entlarven" und "Keine Räume für Antideutsche" lauteten die Parolen.
Die Veranstalter entschieden daraufhin, die Schutzvorkehrungen zu verstärken. Aus der Hooliganszene und von Schülern kamen Hinweise, dass unter jungen Rechtsextremen der Aufruf kursiere, die Lesung nicht stattfinden zu lassen. Offenbar glaubte man, "sein Revier" gegen Eindringlinge verteidigen zu müssen.
Schon Stunden vor der Veranstaltung fuhr Polizei vor der Kirche auf, die private Security hatte schon seit dem vorherigen Abend Wache gestanden. Eine Stunde vor Beginn der Lesung versammelten sich auf einem nahegelegenen Supermarktparkplatz 50 bis 60 Jugendliche und junge Erwachsene aus der rechten Szene – mittendrin der Landtagsabgeordnete und Königsteiner Gemeinderat Uwe Leichsenring, der seit Jahren gute Beziehungen ins militante Spektrum pflegt.
Als sich der Saal zu füllen begann, verwehrte der private Wachschutz einigen bekannten und vorbestraften rechten Gewalttätern den Zutritt. Eine gute halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn marschierten die 50-60 Rechten vom Parkplatz los in Richtung Kirche, vorneweg Uwe Leichsenring im langen, schwarzen Mantel, an seiner Seite seine Lebensgefährtin und Mit-Stadträtin von Königstein und ein Leibwächter der Landtagsfraktion. Die Polizei hielt den Zug allerdings auf, den sie als unangemeldete Demonstration wertete. Uwe Leichsenring schimpfte daraufhin lautstark über "den Polizeistaat BRD", man wolle doch nur der Lesung zuhören. Er selbst und einige Begleiter wurden schließlich noch in die mittlerweile mit mehr als 200 Gästen vollbesetzte Kirche gelassen. Dem größten Teil seines Gefolges aber wurde der Zutritt verwehrt, als sie dagegen protestierten und die Polizei Gewalttätigkeiten befürchtete, sprach diese etliche Platzverweise aus. Einer der Veranstalter berichtete, Uwe Leichsenring habe ihn angezischt: "Es wird die Zeit kommen, wo wir EUCH nicht reinlassen!"
Die Lesung selbst verlief ruhig: Ich las aus der Einleitung, hielt dann einen 20minütigen Vortrag über das Programm der NPD und was daran eigentlich problematisch ist, dann folgte noch das Kapitel, in der die Arbeit der NPD – und von Uwe Leichsenring – in der Sächsischen Schweiz ausgiebig dargestellt wird. In der anschließenden Diskussion meldeten sich – anders als die "Wortergreifungsstrategie" der NPD es vorsieht – weder Leichsenring noch ein anderer Rechtsextremist. Stattdessen fragten Bürger und CDU-Politiker nach Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, debattierten über den DDR-Antifaschismus, kritisierten einige Details meines Buches.
Während des Schlusswortes des Moderators verließen Leichsenring und seine Begleiter den Saal. An der Spendensammlung für die Kosten der Graffitti-Entfernung mochte er sich nicht beteiligen. "Das war kein guter Tag für die NPD in Pirna", sagte hinterher einer der Veranstalter. Und für die anwesenden CDU-Lokalpolitiker dürfte es eine eindrückliche Erfahrung gewesen sein, dass eine Kirche bedroht wird und sie sich die Lesung aus einem ja keineswegs linksradikalen Buch nur unter Polizeischutz haben anhören können.
P.S.: Am folgenden Abend zogen etwa 40 Rechte durch die Altstadt von Pirna und protestierten gegen die Lesung, ihren Ausschluss und die "Karl-Eduard-von-Schnitzler-Manier" meines Vortrages. Die NPD knüpfe clever an DDR-Erfahrungen, schrieb ich schon in der Einleitung zu meinem Buch.
Kreisjugendring, Stadtverwaltung und Aktion Zivilcourage (die lokale Bürgerinitiative gegen Rechtsextremismus) hatten mich eingeladen und intensiv Werbung gemacht in der Stadt. Einer der Initiatoren berichtete, dass etliche Geschäftsinhaber aus Pirna die Plakate aus Angst lieber nicht aushängen wollten. In der Nacht zum 23. November wurde dann das Gebäude der Evangelischen Gemeinde, in der die Lesung stattfinden sollte, mit Farbbeuteln beworfen und mit Schablonen-Graffitti beschmiert. "Zivilcourage abschalten – Systemhetze entlarven" und "Keine Räume für Antideutsche" lauteten die Parolen.
Die Veranstalter entschieden daraufhin, die Schutzvorkehrungen zu verstärken. Aus der Hooliganszene und von Schülern kamen Hinweise, dass unter jungen Rechtsextremen der Aufruf kursiere, die Lesung nicht stattfinden zu lassen. Offenbar glaubte man, "sein Revier" gegen Eindringlinge verteidigen zu müssen.
Schon Stunden vor der Veranstaltung fuhr Polizei vor der Kirche auf, die private Security hatte schon seit dem vorherigen Abend Wache gestanden. Eine Stunde vor Beginn der Lesung versammelten sich auf einem nahegelegenen Supermarktparkplatz 50 bis 60 Jugendliche und junge Erwachsene aus der rechten Szene – mittendrin der Landtagsabgeordnete und Königsteiner Gemeinderat Uwe Leichsenring, der seit Jahren gute Beziehungen ins militante Spektrum pflegt.
Als sich der Saal zu füllen begann, verwehrte der private Wachschutz einigen bekannten und vorbestraften rechten Gewalttätern den Zutritt. Eine gute halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn marschierten die 50-60 Rechten vom Parkplatz los in Richtung Kirche, vorneweg Uwe Leichsenring im langen, schwarzen Mantel, an seiner Seite seine Lebensgefährtin und Mit-Stadträtin von Königstein und ein Leibwächter der Landtagsfraktion. Die Polizei hielt den Zug allerdings auf, den sie als unangemeldete Demonstration wertete. Uwe Leichsenring schimpfte daraufhin lautstark über "den Polizeistaat BRD", man wolle doch nur der Lesung zuhören. Er selbst und einige Begleiter wurden schließlich noch in die mittlerweile mit mehr als 200 Gästen vollbesetzte Kirche gelassen. Dem größten Teil seines Gefolges aber wurde der Zutritt verwehrt, als sie dagegen protestierten und die Polizei Gewalttätigkeiten befürchtete, sprach diese etliche Platzverweise aus. Einer der Veranstalter berichtete, Uwe Leichsenring habe ihn angezischt: "Es wird die Zeit kommen, wo wir EUCH nicht reinlassen!"
Die Lesung selbst verlief ruhig: Ich las aus der Einleitung, hielt dann einen 20minütigen Vortrag über das Programm der NPD und was daran eigentlich problematisch ist, dann folgte noch das Kapitel, in der die Arbeit der NPD – und von Uwe Leichsenring – in der Sächsischen Schweiz ausgiebig dargestellt wird. In der anschließenden Diskussion meldeten sich – anders als die "Wortergreifungsstrategie" der NPD es vorsieht – weder Leichsenring noch ein anderer Rechtsextremist. Stattdessen fragten Bürger und CDU-Politiker nach Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, debattierten über den DDR-Antifaschismus, kritisierten einige Details meines Buches.
Während des Schlusswortes des Moderators verließen Leichsenring und seine Begleiter den Saal. An der Spendensammlung für die Kosten der Graffitti-Entfernung mochte er sich nicht beteiligen. "Das war kein guter Tag für die NPD in Pirna", sagte hinterher einer der Veranstalter. Und für die anwesenden CDU-Lokalpolitiker dürfte es eine eindrückliche Erfahrung gewesen sein, dass eine Kirche bedroht wird und sie sich die Lesung aus einem ja keineswegs linksradikalen Buch nur unter Polizeischutz haben anhören können.
P.S.: Am folgenden Abend zogen etwa 40 Rechte durch die Altstadt von Pirna und protestierten gegen die Lesung, ihren Ausschluss und die "Karl-Eduard-von-Schnitzler-Manier" meines Vortrages. Die NPD knüpfe clever an DDR-Erfahrungen, schrieb ich schon in der Einleitung zu meinem Buch.