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02 Juni 2006

Szenen einer Lesereise

In der ZEIT dieser Woche habe ich eine Rückblick auf meine Lesungen veröffentlicht. Er findet sich unter http://www.zeit.de/2006/23/Lesereise oder (in einer etwas längeren Fassung) hier:


Unterwegs in Deutschland

Vor einem Jahr veröffentlichte ZEIT−Autor Toralf Staud ein Buch über die NPD. Er war damit auf Lesereise in Pirna, Krefeld, Magdeburg. Und musste einiges aushalten

Man kann blonde Haare haben und blaue Augen - und trotzdem von Rechtsextremisten angefeindet werden. Man braucht nur ein Buch über die NPD zu schreiben. Gefahr von den »modernen Nazis« droht nicht in den Parlamenten, so die Hauptthese meines Buches, sondern durch eine »Faschisierung der ostdeutschen
Provinz«. Dort sind die NPD und mit ihr kooperierende Neonazi-Kameradschaften dabei, sich an den Graswurzeln der Gesellschaft festzusetzen. In den letzten Monaten habe ich mehr als vierzig Lesungen veranstaltet und die Zustände hautnah erleben können.
In Stralsund bittet mich die Gastgeberin um Verständnis, dass sie in der Diskussion im Anschluss an meine Lesung die Fragesteller nicht auffordern wird, sich namentlich vorzustellen  die Leute hätten Angst, hinterher von einem örtlichen Neonazi im Internet angeprangert zu werden. In Bad Freienwalde nahe Berlin erzählen Jugendliche, sie trauten sich nicht auf das gleichzeitig stattfindende Altstadtfest, dort drohten Prügel von Rechten. In Angermünde, kurz vor der polnischen Grenze, berichtet ein Junge, die Neonazis kämen bei der biederen Bevölkerung gut an, denn sie träten stets ordentlich auf, diszipliniert und sorgfältig gekämmt.
Nirgendwo ist die NPD an der Macht. Aber längst übt sie Einfluss aus. In einigen Städten war es schwierig, einen Veranstaltungsort zu finden - man wolle die Rechten nicht provozieren, hieß es. Mehrfach erzählten Veranstalter, dass lokale Geschäftsinhaber die Plakate nur ungern aufhängen wollten. Vielerorts wird der
NPD das Feld kampflos überlassen, gilt sie als ganz normale Partei. Eine Lesung in der Aula eines Gymnasiums hätte fast abgesagt werden müssen, weil ein Schulleiter meinte, damit verletze er das Gebot "politischer Neutralität". Von seinem politischen Bildungsauftrag musste er erst mühsam überzeugt werden.
Immer mal wieder gab es auch explizite Drohungen. Vor einer Lesung in Zittau wurde auf einer rechtsextremen Internet-Seite dazu aufgerufen, dieser Veranstaltung von »reaktionären Linksfaschisten« doch bitte »frischen Wind zu verleihen«. In Pirna in der Sächsischen Schweiz findet die Lesung unter Polizeischutz statt. Die Gegend ist eine NPD-Hochburg. Hier glaubt die Partei, sie müsse Terrain nicht mehr erobern, sondern bereits erkämpftes verteidigen. Auf der anderen Seite gibt es einen couragierten Bürgerverein, und der (CDU-)Bürgermeister geht offensiv mit dem Rechtsextremismus um. Eine Nacht vor der Lesung wird der Veranstaltungsort, eine Kirche, mit Farbbeuteln beworfen und mit Graffiti besprüht: »Keine Räume für Antideutsche«. Aus Angst vor einem Brandanschlag wird das Gotteshaus dann rund um die Uhr bewacht. Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung sammeln sich auf einem nahen Parkplatz 50 bis 60 rechtsextreme Jugendliche. Der örtliche NPD-Landtagsabgeordnete setzt sich an die Spitze und will mit ihnen in die Kirche marschieren, was Bereitschaftspolizei und privater Wachschutz verhindern. Nur der Abgeordnete und ein paar Begleiter finden schließlich Platz im überfüllten Kirchenraum - und schweigen dann zwei Stunden lang. In einem Neonazi-Internet-Forum heißt es hinterher: »Wichtig war es zu zeigen, dass man in Pirna nicht ohne Polizeischutz derartige Veranstaltungen abhalten kann.« Und den örtlichen Organisatoren wird offen gedroht: Es sei »angeraten«, den »Schutz von Sicherheitsfirmen und Polizei auch beim nächsten Male heranzuziehen. Ihr werdet ihn benötigen.« Als »Initiative Demokratie in Gefahr« verteilen die Jungnazis am Tag nach der Lesung zudem Flugblätter in Pirna, auf denen sie gegen den Polizeieinsatz wettern, sich aber auch demaskieren: »Niemand hatte an diesem Abend vor, Gewalt auszuüben«, steht da. Und an anderen Abenden?
Schnell wurden meine Lesungen Thema in der NPD−Zeitung Deutsche Stimme, die ihre Leser zur Teilnahme aufrief. »Wortergreifungsstrategie« nennt die Partei dies: »In der direkten Konfrontation mit dem Gegner soll dieser nicht mehr in der Lage sein, über Nationalisten, sondern nur noch mit ihnen zu diskutieren.« Der Pressesprecher der Bundes-NPD erscheint im brandenburgischen Beeskow, wo er auch
Kreistagsabgeordneter ist. Er ist exzellent vorbereitet, hat eine Kopie aus der Lokalzeitung mit der öffentlichen Einladung dabei, um seinem Ausschluss vorzubeugen. In der Diskussion versucht er dann, rassistische Propaganda zu verbreiten - und ist ganz verblüfft, als man ihm die neu-rechten Urheber seiner Thesen vorhält. In Riesa ist meine Lesung Teil der Gedenkwoche an den Nationalsozialismus - prompt verteilt ein NPDler Flugblätter mit dem Titel »Arbeitsplätze statt Sühnerituale«.
Natürlich, auch in Westdeutschland gibt es Neonazis. In Krefeld etwa stellen Rechtsextremisten jeden Alters und jeder Couleur die Hälfte des Publikums. Da steht ein älterer Mann auf, der bei der Wehrmacht war, und schwärmt von der Kameradschaft im Schützengraben. Eine gepflegte ältere Dame freut sich über meinen
»schönen, nordischen Vornamen« und bejammert ausschweifend den Verfall der Volksgemeinschaft. Ein junger Mann mit sächsischem Dialekt klagt, zu Hause sei er nie bedroht worden, wohl aber von Ausländern in Düsseldorf. Ich halte ihm entgegen, dass er andere Geschichten erzählen könnte, wenn er zum Beispiel mit einer Afrikanerin verheiratet wäre. »Sowas würde ich nicht machen«, entgegnet er kühl. »Ich bin vernünftig erzogen.« In Krefeld zeigt sich aber auch ein wichtiger Unterschied zu Ostdeutschland: Nach einer Schreckviertelstunde bietet auch das Publikum solchen Worten Paroli. Im Westen treten Behörden und Bevölkerung der NPD entschiedener und vor allem zahlreicher entgegen als in den neuen Ländern.
Zu meinen Lesungen kamen mal neun Menschen, mal 350, in der Regel sind es zwischen fünfzig und hundert. Manche sind ohnehin überzeugte NPD-Gegner, die sich mit weiteren Argumenten versorgen wollen. Die meisten aber haben noch nie das NPD-Programm gelesen, haben keine Ahnung von Strukturen und Strategien der Rechtsextremisten von heute. Wirklich überall sind Pfarrer oder engagierte Christen im
Publikum. Lokalpolitiker kommen nur äußerst selten. Lehrer sind zwar anwesend, aber Fragen stellen sie - wohl aus Angst um ihr Renomee - nie öffentlich, sondern immer erst hinterher im persönlichen Gespräch. Immer wieder treffe ich auf die kommunistische These, es müsse das Großkapital sein, das die NPD finanziere. Und: Überall meinen die Leute, man solle die NPD verbieten, dann sei das Problem gelöst.
Magdeburg, kurz vor der Landtagswahl. Fünf Minuten nach Beginn der Veranstaltung fliegt die Tür auf, ein Dutzend Jungmänner drängt hinein, sie sehen nicht aus wie klassische Skinheads, sondern tragen Turnschuhe, Baseball-Mützen, schwarze Kapuzenpullis. Sie wollten mitdiskutieren, sagen sie, aber die Hausherren verweisen sie des Saales. Zwei Stunden lang harren sie vor der Tür aus. Am Ende der Lesung überbringt einer der lokalen Veranstalter die Bitte der Polizei, für den Heimweg Fahrgemeinschaften zu bilden, jedenfalls nicht einzeln nach Hause zu gehen, weil sie für die Sicherheit nicht garantieren könne. Vor der Tür stellen sich die jungen Männer als »Jugendinitiative« vor, aber schnell wird klar, dass sie von der NPD−Jugend sind. Das Schulungsmaterial der Partei haben sie drauf, aber nicht viel mehr. Sie starten vorlaut und aggressiv, kommen aber schnell ins Schlingern und werden wortkarg.
»Ist das Demokratie, wenn wir ausgeschlossen werden?«, ruft einer.
»Was meint Ihr denn mit Demokratie?«
»Die Freiheit, dass jeder mitmachen kann!«
»Jeder?«
»Naja«, präzisieren sie. »Jeder, der hier auf seinem angestammten Gebiet lebt.« Es braucht nur vier weitere Nachfragen, und sie sind bei einer Behörde, die dem Rasse− und Siedlungshauptamt der SS ähnelt, und weigern sich weiterzureden.
Sicher, einen Neonazi wird man mit Argumenten nicht überzeugen. Auch kein rechtsextremer Schläger lässt sich dadurch bekehren. Aber das Publikum in Magdeburg hat etwas gelernt. Und für die forschen Kameraden, das sah man deutlich, war es ungewohnt, dass ihnen überhaupt jemand offen widersprach.